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Stellungsnahme des Elternvereins zur Schliessung der Fachstelle Familie und Kind

Stellungnahme des Elternvereins zur Streichung der Fachstelle Kind und Familie

  

Mit Befremden nehmen wir zu Kenntnis, dass der Stadtrat entschieden hat, die Fachstelle Kind und Familie ab 2017 nicht mehr weiterzuführen.

Der Elternverein hat bereits vor zehn Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass in Aarau eine Anlauf- und Koordinationsstelle im Bereich der Kinder- und Familienanliegen fehlt und hat sich schon damals für die Schliessung dieser Lücke engagiert. Die Fachstelle Kind und Familie wurde daraufhin 2008 geschaffen und hat seither hervorragende Arbeit geleistet. Die Fachstelle hat sich in ihrem Fachbereich zu einem Aushängeschild für die Stadt Aarau entwickelt, insbesondere als Referenzstadt im nationalen Programm "Primokiz"* steht Aarau in Sachen Frühe Förderung über die Kantonsgrenzen hinaus im Schaufenster. Mit dem aktuellen Projekt Bildungslandschaft hätte auf diesem Fundament aufgebaut werden sollen.

Umso unverständlicher ist, dass der Stadtrat mit der Streichung der Fachstelle nun eine abrupte Kehrtwende unternimmt. Noch weniger nachvollziehbar ist der Entscheid in Anbetracht der Tatsache, dass derselbe Stadtrat erst im Februar beschlossen hat, das UNICEF-Label "Kinderfreundliche Stadt" anzustreben.

Wir sind überzeugt, dass angesichts der städtischen Sparbemühungen eine gezielte Förderung familienpolitischer Massnahmen erst recht an Bedeutung gewinnt. Im Zug gesellschaftlicher Entwicklungen (Pluralisierung der Lebensläufe, steigende Scheidungsrate, Verschwinden sozialer Netzwerke, Zunahme multipler Belastungssituationen etc.) haben sich die Anforderungen an Familien verändert. Vor diesem Hintergrund wandeln sich auch die Anforderungen an ein bedarfsgerechtes Unterstützungssystem. Die Prävention, das frühe Erkennen und bei Bedarf frühe Intervenieren stehen dabei im Fokus, damit keine aufwändigen und teuren „Reparatur“-Massnahmen nötig werden. Frühe Förderung ist damit nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, sondern vor allem auch aus der Perspektive der Kosteneffizienz sinnvoll: Es wurde wiederholt nachgewiesen, dass Investitionen in die frühe Kindheit volkswirtschaftlich um ein Vielfaches rentieren, indem Leistungen im Bereich der schulischen Förderung, der Sozialhilfe, des Strafrechts und des Gesundheitswesens in späteren Jahren eingespart werden (Return on Investment (ROI) = 1:3 bis 1:7, vgl. Heckmann & Masterov, 2007, S. 90)**. Ebenfalls gut belegt ist die Relevanz der systematischen Vernetzung der Angebote und des sorgfältigen Übergangsmanagements. Als professionelle Koordinationsstelle hat die Fachstelle genau hier angesetzt.

Dass die langjährige erfolgreiche Aufbau- und Pionierarbeit vom Stadtrat nun bachab geschickt wird, ist ein unverständlicher Rückschritt. Er führt zu einer Leistungslücke und einem unkoordinierten Nebeneinander von Angeboten, welche vor acht Jahren der Grund für die Schaffung der Fachstelle waren.

Es kommen in vielerlei Hinsicht grosse gesellschaftliche Herausforderungen auf uns zu. Um diesen auch in Zukunft angemessen begegnen zu können, müssen in der Stadtverwaltung die nötigen Ressourcen bereitgestellt werden, damit die Felder Frühe Kindheit und Familie – wie auch Integration, Jugend und Alter – fachkompetent bearbeitet werden können. Wir sind der Meinung, dass der derzeitige Stellenplan genau das nicht ermöglicht und somit Aarau als Kantonshauptstadt nicht gerecht wird. Wir hoffen, dass der Einwohnerrat diesen kurzsichtigen Stadtratsentscheid zu korrigieren weiss. Sparen am falschen Ort kann Aarau sonst teuer zu stehen kommen!

 

*Primokiz ist ein Programm der Jacobs Foundation und hat zum Ziel, die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (BBE) zu vernetzen.

 

**Heckman, J. J., and Masterov, D. V. 2007. The Productivity Argument for Investing in Young Children. Massachusetts: National Bureau of Economic Research Cambridge.